Ds Wild Mandji in Baltschieder


Seit dem Mittelalter kennen wir im Wallis das Spiel um den Wilden Mann, seit vielen Jahrzehnten hält die Gemeinde Baltschieder diesen grossen Volkstheater-Brauch aufrecht. Es handelt sich um eine Theaterform, welche Tradition und Aktualität verbindet: Wichtige Figuren, wie der der Wilde Mann, seine Frau und ihr Kind, sowie der Waldbruder und der Richter, bilden seit jeher einen wesentlichen Bestandteil des Spiels, während inhaltlich das aktuelle Geschehen von nah und fern in die Aufführungen einfliesst. Dabei ist der Aufbau immer ähnlich: Der Wilde Mann zündet dem Waldbruder die Hütte an, bei Gericht wird er verklagt, Jäger fangen ihn und schleppen ihn vor Gericht, wo ihm alle erdenklichen Verbrechen vorgeworfen werden. Der Wilde Mann wird so zum Sündenbock für alles, was in der Gesellschaft schief läuft.

Wir haben es also mit einem Theater zu tun, welches an alte kultische Riten erinnert, sich dabei aber der Mittel der Komödie, der Commedia dell’ Arte bedient. Gemäss Albert Carlen(1) nahm das Spiel in Baltschieder im 20. Jahrhundert langsam literarische Form an, als der Visper Schriftsteller Adolf Fux eine gereimte hochdeutsche Version des Spiels verfasste.

Legendär sind vor allem die Aufführungen 1971 und 1974, als Pierre Imhasly eine griffige Dialekt-Fassung erstellte und das Stück auch äusserst erfolgreich inszenierte. Zum Erfolg beigetragen hat dabei sicherlich die Übertragung durch das Schweizer Fernsehen.

Welche Bedeutung dieser von Baltschieder gelebten Tradition zukommt, belegt die Tatsache, dass der Kanton Wallis das Spiel um den Wilden Mann im Rahmen der UNESCO-Konvention zur Bewahrung der immateriellen Güter 2010 in die kantonale Liste aufgenommen hat.

Aufführung „Ds Wilta” 20./21. Jahrhundert:

1903, 1911, 1926, 1929, 1946, 1959, 1971, 1974, 1984, 1994, 2007

(1) Albert Carlen, Theatergeschichte des deutschen Wallis, Rotten Verlag 1982, S.8


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Rückblick


Wenger Roman
Ds Wilta wird wider gjagt...
Dieser Satz ziert die Titelseite unserer Homepage. Ds Wilta ist bekanntlich der Sündenbock schlechthin, ds Wilta ist Tradition, Stolz, Emotionen und vieles mehr. Ds Wilta ist aber auch eng mit einer Person aus Baltschieder verbunden, und zwar mit Roman Wenger. Keiner spielte ds Wilta bzw. ds Wilt Frowwi so oft wie er. Seit der Aufführung 1946 bis zum Jahr 1984 war er der Gejagte am Berg. Er musste gejagt, gefangen, verurteilt und hingerichtet werden. In den ersten zwei Aufführungen war er "hinter" seinem Bruder Otto "nur" d'Wilt Froww, aber dann war er der mit der besseren Kondition, der Chef am Berg und somit auch ds Wilt Mandji.
Der Chef am Berg war er im wahrsten Sinne des Wortes, dazu auch noch der Regisseur für die Szenen am Berg, der Konditionstrainer für d'Wilt Froww und ds Wilt Jungi. Er wählte die Route und musste dabei auf folgende Punkte achten:

Eine logistische Meisterleistung, die sicher jeder Regisseur freiwillig Roman anvertraut hat.


Roman Wenger aber weiss noch viel mehr und Interessanteres zu erzählen. Der Aufführung von 1971 folgte bereits drei Jahre später 1974 eine weitere Inszenierung. Das Schweizer Fernsehen war zu Gast und bannte das ganze Stück auf Film. Für die Akteure hiess das eine Woche lang Szenen spielen, wiederholen, noch einmal wiederholen, noch besser spielen, gefährlicher springen, mehr Action. Eine neue Erfahrung auch für Roman, für ihn war immer nur das Beste gut genug. Dementsprechend waren auch seine Vorbereitungen und Einsätze. Bis zur Abschlussaufführung am Sonntag hat er über 10 Kilogramm an Gewicht verloren.

Wenger Roman Je länger man mit Roman zusammensitzt, umso dramatischer oder teils auch lustiger werden seine Erzählungen. Vom streng Organisatorischen gerät er allmählich ins Erzählen und muss oder kann jetzt auch selber manchmal schmunzeln. Da wäre einmal die Szene vom schlafenden Soldaten, eine Szene aus der Feder von Roman dem Regisseur am Berg. Unter einem Fels, für die Zuschauer gut sichtbar, döst ein erschöpfter Jäger. Die Wilden stürmen auf diesen Felsen zu. Im letzten Moment entdeckt ds Wilta den Jäger, stoppt jäh ab, dreht mit seiner Familie ab und muss seinen Fluchtweg ändern, natürlich immer von anderen Jägern verfolgt . Damit die Dramaturgie stimmt, muss der schlafende Jäger noch aufgeschreckt werden und die Verfolgung aufnehmen. Ds Wilta muss also noch einige Steine, begleitet von einer Staubwolke, den Fels hinunter-stürzen lassen.
Da wäre aber auch die Technik, beim Anzünden der Hütten des Waldbruders. Der Waldbruder muss so lange wie möglich in der brennenden Hütte bleiben können, die Spannung auf dem Dorfplatz bei den Zuschauern muss schier unerträglich werden.
Eine unvergessliche Szene für alle Beteiligten (Spieler und Zuschauer) ist die Gefangennahme und die Verurteilung des Wilden Mannes. Für die Soldaten oder Jäger ist es nach einer zwar gespielten aber anstrengenden Jagd der krönende Abschluss, ds Wilta im Netz liegen zu sehen und gefesselt dem Richter vorzuführen. Aber diese Szene hatte meist noch einiges zu bieten. Einen Roman Wenger nimmt man nicht einfach so gefangen und legt ihn in Ketten. Das mussten einige Darsteller schmerzhaft erfahren. Wie ein Wilder (äs isch ja öü ds Wilta gsi) wehrt sich der Wilde Mann, schlägt um sich, entledigt sich seiner wohl etwas leichteren und weniger kräftigen Jäger und manch einer muss mit schmerzverzerrtem, sogar blutverschmiertem Gesicht das Spiel beenden.

Wenger Roman
"Einer hat mir einmal, als ich am Boden lag, seinen Schuh in meinen Nacken gedrückt. Es war wohl die einzige Möglichkeit mich am Boden zu halten, aber das sollte der Betreffende noch zu spüren bekommen. Als ich dann auf der Bühne stand und der Jäger meinen Arm festhielt, in der Annahme, dass ich mich jetzt schön ruhig verhalten würde, versetzte ich ihm einen so heftigen Stoss, dass er von der Bühne fiel. Einen Darsteller habe ich einmal am Kopf verletzt, dass dieser den Arzt aufsuchen musste."

Schmerzhaft war es aber auch manchmal für den Wilden Mann.

"1974 bei den Fernsehafnahmen mussten einzelne Szenen während der Woche eingespielt werden. Am Samstagnachmittag wurde die Szene der Gefangennahme gedreht. Dabei trat mir ein Soldat unglücklich auf den Knöchel. Ich spielte weiter, verspürte aber einen leichten Schmerz. Im Verlaufe des Nachmittags schwoll der Fuss doch ziemlich an. Ich entschloss mich einen Heilpraktiker aufzusuchen. Er stellte eine Verstauchung fest, massierte die Stelle und gab mir noch eine Salbe mit. Diese Nacht habe ich wenig geschlafen. Ich wusste, dass ich am nächsten Tag fit sein musste. Die Aufführung musste stattfinden, das Fernsehen musste noch Aufnahmen machen. Am Sonntagmorgen konnte ich vor Schmerzen kaum laufen. Der Schwager des damaligen Regisseurs war Arzt und musste auf den Platz. Er verpasste mir eine schmerzstillende Spritze und ich spielte den Wilden Mann und es hat wohl niemand bemerkt, dass ds Wilta diesmal etwas angeschlagen war."

Wir danken Roman Wenger herzlich für die sehr interessanten Ausführungen.

Wenger Roman

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