Die Herkunft

Die Wurzeln des Spiels um den Wilden Mann liegen im universellen Volksglauben eines mythischen Urmenschen, der tierisch stark, nackt, mit Laub oder mit einem Fell bedeckt im Wald oder in unbewohnten Gebieten lebt.

Der Wilde Mann ist weder Tier noch göttliches Wesen, er ist ein Mensch, dem wir die unterschiedlichsten Bedeutungen zuschreiben, er steht für das Wilde, die ungezähmte Natur, das Wilde in uns und es geht immer darum, ihn oder es zu besiegen. Wir wollen ihn seiner Körperkraft berauben, sei es durch Verführung oder durch Waffengewalt. Ob die „zivilisierte” Gesellschaft ihn dann zum Tode verurteilt oder ihn einsperrt und dem Dorf als Monster vorführt, wird in den Geschichten unterschiedlich gelebt.

Wenn wir uns mit unserer Kulturgeschichte auseinandersetzen, finden wir immer wieder Alter Egos des Wilden Mannes. Denken wir nur an die biblische Geschichte von der Auseinandersetzung zwischen den Zwillingsbrüdern Esau, dem älteren, behaarten Jäger, und Jakob, dem jüngeren, zivilisierteren Bauern, der seinem Bruder überlegen ist, so dass Esau ihm für ein Linsengericht das Erstgeborenenrecht verkaufen muss. Jakob wird Stammvater der zwölf Stämme Israels, Esau wird Stammvater eines Bergvolks.

Aber auch in vielen Sagen des Alpenraums kann der Wilde Mann als Metapher für die gefährliche Natur dienen, die den „kultivierten” Menschen bedroht. Gerade auch in der Fasnacht können diese wilden Männer in die Dörfer einfallen und Angst und Schrecken verbreiten.

Auch in der Literatur finden wir die Geschichte des Wilden Mannes immer wieder, so z.B. in einem der ältesten literarischen Werke, dem Gilgamesch-Epos. Dort treffen wir auf den wilden Enkidu, der von den Göttern mit langen Haaren, Fell am ganzen Körper und übermenschlichen Kräften ausgestattet ist. Er kommt aus der unbewohnten Steppe, grast mit den Antilopen und wird erst „zivilisiert”, als er mit einer Tempelhure schläft und in der Stadt lebt: „Enkidu ass das Essen, bis er satt war. Er trank das Bier, sieben Krüge voll, und er ward heiter. Sein Herz frohlockte und sein Antlitz strahlte. Er wusch sich den zottigen Leib mit Wasser und salbte sich mit Öl – und wurde Mensch.”

Bei Shakespeare findet sich der Wilde in seinem letzten Drama, dem „Sturm”, und zwar in der Gestalt des Caliban, diesem „Kannibalen”, halb Tier, halb Mensch, der als Sklave dem Zauberer Prospero dienen muss. Dabei verkörpert Prospero die Kultur, Caliban die Natur.

Selbst die Gebrüder Grimm garnierten ihre Märchensammlung mit dem Wilden Mann: „Es war einmal ein wilder Mann, der war verwunschen und ging zu den Bauern in den Garten und ins Korn und machte alles zu Schanden. Da beklagten sie sich bei ihrem Gutsherren, sie könnten ihre Pacht nicht mehr bezahlen, und da liess der Gutsherr alle Jäger zu sich kommen: Wer das Tier fangen könne, der soll eine grosse Belohnung bekommen.” Aus dieser Urfassung sollte später dann „Der Eisenhans” entstehen.


Lesen sie hierzu ein Interview mit Laura Margelist, die eine Lizentiatsarbeit über das "Wild-Mann-Spiel" geschrieben hat:


Henzen Lothar: Frau Margelist, Sie haben sich im Rahmen ihrer Lizentiatsarbeit, die sie nun zu einer Dissertation ausweiten, mit dem Wild-Mann-Spiel beschäftigt. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Margelist Laura: Die erste Begegnung mit den Wild-Mann-Spielen ist sowohl biographischer als auch geographischer Art. Mit der Entführung des Lehrpersonals von Baltschieder während des Schulgottesdienstes durch die Wildleute im August des Jahres 1984 anlässlich der Inszenierung von Pierre Imhasly, an meinem ersten Schultag, wurde die Ordnung im Dorfleben aus den Angeln gehoben und sukzessive auf das Wild-Mann-Spiel vom darauf folgenden Wochenende vorbereitet. Hier im Dorf durfte ich dann auch zweimal einer Aufführung 1984 und 1994 beiwohnen.

Wo sind Sie dem Wilden Mann überall begegnet? War es in der Literatur, in Sagen oder eher in Geschichtsbüchern?

Im Wallis finden sich Wilde Leute ausserhalb der theatralen Tradition in den Walliser Sagen und in verwandten Bräuchen, wie der Mazze.

In der mittelalterlichen Literatur und Ikonographie sind die Wilden Leute sehr beliebte Motive. Oft fungieren sie als Antagonisten oder als Helfer der Protagonisten oder sind aufgrund ihrer ausführlichen Hässlichkeitsbeschreibungen oder untugendhaften Verhaltens als Gegenbilder zum Idealbild des Ritters oder der edlen Dame konzipiert. Wilde Männer zeichnen sich durch ungeheure Kraft, aber unzivilisiertes Verhalten aus, während Wilde Frauen aufgrund ihrer Hässlichkeit, ihrer Kraft und Kampfbereitschaft oft Teil von Minneparodien sind. Im ganzen Alpenraum sind Wilde Männer und Frauen beliebte Märchen- und Sagenfiguren und vor allem in Norditalien und im Südtirol gibt es verschiedene Fasnachtsbräuche, in denen Wilde Männer und Frauen vorkommen, und vereinzelt sogar Wild-Mann-Spiele.

Worin bestand oder besteht die Faszination dieser Figur?

In der mittelalterlichen Literatur gehören die Wilden Leute der Sphäre des Waldes an, die eine Gegenwelt zum Leben am Hof darstellt. Die Wilden Leute sind die Anderen, Fremden. Gleichzeitig werden sie so zum Spiegel gesellschaftlicher Normen, sie repräsentieren, was in der Gesellschaft nicht akzeptiert wird.
Im Wild-Mann-Spiel ist der Wilde Mann der Sündebock, somit ist er Träger all dessen, was die jeweilige Gesellschaft ausstossen und aus ihrer Mitte entfernen will, dies macht das Wild-Mann-Spiel zum Zeitzeugen der jeweiligen Mentalität. Spannend ist auch das Verständnis des Sündenbocks, welches sich im Lauf der Aufführungsgeschichte wandelt.

Kommen wir zum Wild-Mann-Spiel. Sicher können Sie uns etwas zur Vergangenheit dieses Theaters erzählen.

Die älteste Nachricht eines Wild-Mann-Spiels im Wallis stammt, laut Carlen, aus dem Jahre 1485. In diesem Jahr wurden die Leute aus St. German, die den Wilden Mann getragen haben, auf Rechnung der Gemeinde Raron mit Wein bewirtet, es ist aber die einzige Quelle aus dieser Zeit. Das Wild-Mann-Spiel erfreut sich grosser Beliebtheit von ca. Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts und ist für diese Zeitspanne auch gut belegt. Es wurde überall im Oberwallis aufgeführt, oft in kurzen Abständen und in Nachbargemeinden, da im Spiel oft die Nachbardörfer auf die Schippe genommen wurden, die sich ihrerseits dann mit einer Aufführung "rächten". In dieser Zeit wurde das Spiel von Jungmannschaften und Vereinen aufgeführt. Meistens ist kein Text überliefert worden und das Spiel war in ein Fest integriert. Die zentralen Momente sind für alle Stücke gleich: Auf die Anklage folgt eine Verfolgungsjagd und der Wilde Mann (oft auch zusammen mit der Wilden Frau und dem Wilden Kind) wird gefangen, vor Gericht gebracht und hingerichtet. Wichtig für das überleben des Wild-Mann-Spiels bis in die heutige Zeit sind die Aufführungen in Niedergampel, Turtmann, Erschmatt, und Baltschieder, der Ausbau des sprachlichen Anteils des Spiels und ihr grosses Medienecho.

Was haben Sie über Ds Wilt Mandji im Oberwallis und im Speziellen in Baltschieder gefunden?

Der Erhalt des Spiels ist einerseits auf die Verschriftung und die Medialität zurückzuführen. Deshalb ist die Tradition in Baltschieder sehr wichtig für den Erhalt des Spiels. Mit Adolf Fux, Pierre Imhasly und Bruno Zenhäusern als Autoren tritt der sprachliche Anteil des Stücks in den Vordergrund.
Adolf Fux' s Stück ist von politischer Brisanz, da es als eine Parodie auf Iris und Peter von Roten lesbar ist. Pierre Imhaslys Stücke sind aufgrund ihrer Sprengkraft und Grenzüberschreitungen faszinierend, der Einsatz neuer Theatertechniken und die versuchte Freilassung des Wilden Mannes und die Wilde Nacht sind bemerkenswert. Die gemeinsame Fernsehproduktion mir Ettore Cella wirkte sich auf den Bekanntheitsgrad des Stücks aus und hatte ein grosses Medienecho zur Folge. In der letzten Aufführung von Bruno Zenhäusern zeichnet sich ein signifikanter Wandel im Verständnis des Sündenbocks und des Wilden Mannes ab. So ist in der Aufführungsgeschichte des Wild-Mann-Spiels ein Wandel vom Ritual der Sündenbockvertreibung hin zur Kritik und Entlarvung des Sündenbockmechanismus ablesbar.

Ich freue mich schon sehr auf die neue Aufführung und wünsche gutes Gelingen!

Vielen Dank für das Gespräch

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